# Acht Stunden, und was sie kosteten: Chicago 1886 > Am 1. Mai 1886 legten in den Vereinigten Staaten mehrere hunderttausend Menschen die Arbeit nieder, um den Achtstundentag zu erzwingen. Drei Tage später tötete eine Bombe auf dem Haymarket in Chicago einen Polizisten sofort; sechs weitere Polizisten und mindestens vier Versammelte starben in der Folge. Vier Männer wurden gehängt — verurteilt nicht für die Tat, sondern für Anstiftung zu ihr. - **Herausgeber:** Gewerkschaft Underdog - **Adresse:** https://www.gewerkschaft.berlin/de/blog/acht-stunden-chicago-1886/sxspxkyh - **Sprache:** de - **Fassung:** 1.0 - **Herkunft:** von Hand geschrieben oder übersetzt - **Urheber:** Gewerkschaft Underdog - **Veröffentlicht:** 2026-10-07 - **Schlagwörter:** Achtstundentag, Haymarket, Streikrecht, Repression, 1. Mai - **Lizenz:** CC-BY-ND-4.0 ## Zitiervorschlag Gewerkschaft Underdog, Acht Stunden, und was sie kosteten: Chicago 1886, Gewerkschaft Underdog, Fassung 1.0, 07.10.2026, https://www.gewerkschaft.berlin/de/blog/acht-stunden-chicago-1886/sxspxkyh, abgerufen am 13.10.2026. ## Volltext Die Ereignisse des Frühjahrs 1886 in Chicago sind ein Fall, in dem eine Niederlage mehr bewirkt hat als mancher Sieg. Innerhalb weniger Tage erlebte die amerikanische Arbeiterbewegung ihren bis dahin größten Mobilisierungserfolg, einen Bombenanschlag und den Beginn einer Verfolgungswelle; was daraus folgte, zog sich über Jahre. Übrig blieb ein Datum, das heute auf der ganzen Welt begangen wird — und eine Frage, die sich seither in jedem Arbeitskampf neu stellt: Was geschieht mit einer Bewegung, wenn man ihr die Gewaltfrage anhängt? ## Der Kampf um die Zeit ### Warum ausgerechnet acht Stunden Die Zahl acht ist älter als die Bewegung von 1886. Robert Owen formulierte 1817 in Großbritannien die Dreiteilung „eight hours' labour, eight hours' recreation, eight hours' rest" — Arbeit, Erholung, Ruhe. Die Fassung, die 1886 auf den Fahnen stand, ist jünger und amerikanisch. Sie geht auf das Gedicht *Eight Hours* von I. G. Blanchard aus dem Jahr 1866 zurück, 1872 von Jesse H. Jones vertont: acht Stunden Arbeit, acht Stunden Ruhe, acht Stunden *for what we will* — für das, was wir wollen. Die Verschiebung von „Erholung" zu „was wir wollen" ist der ganze Unterschied. Erholung dient der Arbeit von morgen. Was jemand will, dient niemandem. Die amerikanische Achtstundenbewegung hatte eigene Wurzeln, insbesondere in den Schriften Ira Stewards und den Eight-Hour Leagues der 1860er-Jahre. Die Zahl stammt aus Großbritannien, die Bewegung nicht. In den Industriestädten der 1880er-Jahre waren zehn bis zwölf Stunden üblich, in manchen Gewerben mehr. Die Verkürzung war deshalb nie nur eine Frage der Erholung. Sie war eine Frage darüber, wer über Lebenszeit verfügt. ### Die Federation of Organized Trades and Labor Unions setzt eine Frist Im Oktober 1884 beschloss die Federation of Organized Trades and Labor Unions in Chicago — der Vorläufer der späteren American Federation of Labor —, der Achtstundentag solle ab dem 1. Mai 1886 gelten. Das war keine Verhandlungsposition, sondern ein Termin. Wer bis dahin nicht einlenkte, sollte bestreikt werden. #### Die Frist als Stärke Eine Lesart sieht darin einen Geniestreich der Mobilisierung. Ein Datum schafft, was Resolutionen nicht schaffen, nämlich einen gemeinsamen Zeitpunkt für viele unverbundene Belegschaften. Ohne die Frist von 1884 wäre der 1. Mai 1886 nicht zustande gekommen. #### Die Frist als Überdehnung Die Gegenlesart hält das Vorgehen für überzogen, weil die Organisationen zu schwach waren, um einen flächendeckenden Streik auch durchzuhalten. Die Frist habe eine Kraft behauptet, die es nicht gab — und Enttäuschte kehren nicht zurück. Beide Lesarten lassen sich nicht abschließend gegeneinander ausspielen, weil der Vergleichsfall fehlt. Festhalten lässt sich nur: Die Frist hat beides bewirkt. ### Chicago als Brennpunkt Chicago wuchs in diesen Jahren schneller als jede andere amerikanische Großstadt: Zwischen 1880 und 1890 verdoppelte sich die Einwohnerzahl von 503.165 auf 1.099.850. Die Stadt war geprägt von Fleischverarbeitung, Landmaschinenbau und Eisenbahn, mit einer Arbeiterschaft aus überwiegend deutschen, böhmischen, irischen und polnischen Einwanderern. Hier existierte etwas, das es in dieser Dichte sonst kaum gab: eine deutschsprachige anarchistische Presse, eine militante Gewerkschaftslinke und eine Arbeitgeberschaft, die bewaffnete Privatpolizei einsetzte. Am 1. Mai 1886 traten landesweit schätzungsweise 300.000 bis 500.000 Menschen in den Ausstand. In Chicago, der größten einzelnen Hochburg, legten rund 40.000 die Arbeit nieder; etwa 80.000 zogen über die Michigan Avenue. Weiteren rund 45.000 wurde zur Vermeidung des Streiks eine kürzere Arbeitszeit zugestanden. Der Tag verlief ohne Zwischenfälle. ## Vier Tage im Mai ### 3. Mai: McCormick Vor den McCormick-Werken lief seit dem 16. Februar 1886 eine Aussperrung. Am 3. Mai kam es dort zu einer Auseinandersetzung zwischen Streikenden und Streikbrechern. Die Polizei schoss. Nach überwiegender Darstellung starben zwei Arbeiter; zeitgenössische Angaben nennen bis zu sechs. ### 4. Mai: Der Haymarket Für den Abend des 4. Mai riefen Anarchisten zu einer Protestversammlung auf dem Haymarket. Die Versammlung verlief friedlich; Bürgermeister Carter Harrison hatte zugehört und war nach Hause gegangen, und wegen aufziehenden Regens löste sie sich bereits auf. Als eine Polizeiabteilung die Reste auflösen wollte, flog eine Bombe in ihre Reihen. Der Polizist Mathias Degan starb sofort. Sechs weitere Polizisten starben in der Folge, überwiegend an Schüssen, die im anschließenden Durcheinander fielen; ein achter starb zwei Jahre später an den Folgen. Unter den Versammelten starben mindestens vier Menschen. Wer die Bombe warf, ist bis heute ungeklärt. Die Anklageschrift räumte das selbst ein und sprach von einer unbekannten Person. ### Der Prozess Angeklagt wurden acht Männer, überwiegend Redakteure; sechs von ihnen waren Einwanderer, die meisten Deutsche. Der prominenteste Angeklagte, Albert Parsons, war in Alabama geboren und passte damit gerade nicht in das Bild, das die Presse zeichnete. Der Vorwurf lautete nicht Täterschaft, sondern Anstiftung und Beihilfe. Sechs der acht waren zum Zeitpunkt des Wurfs nachweislich nicht am Ort. #### Die Bewertung ist strittig Die ältere und überwiegende Darstellung — etwa bei Paul Avrich (1984) und James Green (2006) — sieht einen Gesinnungsprozess: Die Zusammensetzung der Geschworenen, die Zulassung von Beweismitteln und die Konstruktion der Anstiftung wurden bereits von Zeitgenossen angegriffen. Timothy Messer-Kruse (2011) widerspricht. Er hält das Verfahren nach den Maßstäben seiner Zeit für regelgerecht geführt und argumentiert, die Anklage habe eine konkrete Verschwörung mit konkreten Tatbeiträgen vorgetragen, nicht lediglich eine Haftung für Gesinnung. Seine Arbeit ist ihrerseits kritisiert worden. Beide Positionen werden hier wiedergegeben, ohne sie zu entscheiden. #### Urteile und Instanzen Sieben Angeklagte wurden zum Tode verurteilt, einer zu fünfzehn Jahren Haft. Die Urteile wurden rechtsmittelgeprüft und bestätigt. Der Illinois Supreme Court wies die Rechtsmittel am 14. September 1887 zurück; der Supreme Court der Vereinigten Staaten verwarf die Revision am 2. November 1887 einstimmig aus Zuständigkeitsgründen. Die Konstruktion der Anklage wurde also nicht nur von einem Geschworenengericht getragen, sondern von den obersten Instanzen gebilligt. Vier Verurteilte wurden am 11. November 1887 gehängt. Einer nahm sich nach allen gesicherten Angaben zuvor in der Zelle das Leben. Zwei Urteile wurden in lebenslange Haft umgewandelt. #### Die Begnadigung 1893 Gouverneur John Peter Altgeld begnadigte am 26. Juni 1893 die drei noch Inhaftierten. Seine Begründung stützte sich nicht auf Gnade, sondern auf Fehler des Verfahrens: Er bezeichnete die Geschworenen als ausgesucht, den Richter als befangen und stellte fest, der Staat habe nie ermittelt, wer die Bombe warf, und die Beweise zeigten keinerlei Verbindung der Angeklagten zum Bombenwerfer. Für zwei der drei stellte er fest, es sei überhaupt kein Fall gegen sie geführt worden. Die Begnadigung kostete Altgeld politisch schwer. 1896 verlor er die Wiederwahl — neben der Begnadigung spielten dabei sein Widerstand gegen den Bundestruppeneinsatz im Pullman-Streik 1894 und sein Eintreten für die Silberwährung eine Rolle. ## Die Folgen ### Für die Bewegung: Der Einbruch Die Knights of Labor zählten 1886 über 700.000 Mitglieder und 1890 höchstens noch 100.000. Die Ursachen sind strittig und werden in der Forschung regelmäßig gleichrangig genannt: die Niederlage im Great Southwest Railroad Strike gegen Jay Gould, der Anfang Mai 1886 endete; der Konflikt zwischen streikwilliger Basis und streikskeptischer Führung; die Arbeitgeberoffensive; und die Distanzierung der Führung von den Angeklagten. Haymarket allein erklärt den Einbruch nicht. ### Für die Organisationsform Die American Federation of Labor ging im Dezember 1886 aus der Federation of Organized Trades and Labor Unions hervor. Ihre Ausrichtung unter Samuel Gompers — Facharbeiter, Tarifverträge, Abgrenzung von politischen Zielen — war schon in der Vorgängerorganisation angelegt. Ob Haymarket diesen Kurs verursachte oder nur beschleunigte, ist Deutung, nicht Befund. ### Für das Datum: Der 1. Mai Hier ist die verbreitete Darstellung ungenau, und die Berichtigung lohnt sich. Der internationale sozialistische Arbeiterkongress in Paris beschloss im Juli 1889 **eine einmalige** internationale Kundgebung für den 1. Mai 1890, nicht einen wiederkehrenden Kampftag. Die jährliche Wiederholung beschloss erst der Brüsseler Kongress 1891. Auch die Begründung für das Datum lautete anders, als meist erzählt wird. Der Beschlusstext verweist darauf, dass die American Federation of Labor auf ihrem Kongress in St. Louis im Dezember 1888 bereits eine Kundgebung für den 1. Mai 1890 festgelegt hatte; dieses Datum werde übernommen. Haymarket und das Jahr 1886 kommen im Beschluss nicht vor. Dass der 1. Mai als Erinnerung an Chicago gewählt worden sei, ist eine verbreitete, aber bestrittene Darstellung — Eric Hobsbawm widerspricht ihr ausdrücklich. Der Bezug entstand in der späteren Erinnerungspraxis, nicht im Beschluss. Die Vereinigten Staaten begehen den 1. Mai bis heute nicht als Arbeiterfeiertag. Der *Labor Day* im September wurde seit 1882 begangen und 1894 bundesgesetzlich festgeschrieben — nach verbreiteter Deutung auch, um dem 1. Mai den Rang abzulaufen; daneben steht die Lesart einer Wahlkampfkonzession nach dem Pullman-Streik. ## Was daraus zu lernen ist, und worüber gestritten wird ### Die rechtliche Frage: Wenn Worte zur Tat werden Unabhängig davon, wie man das Verfahren bewertet, wirft der Fall eine Frage auf, die sich bis heute stellt: Wann ist eine politische Äußerung Anstiftung zu einer Straftat? #### Die Konstruktion und ihr Streit Nach der überwiegenden Darstellung argumentierte die Anklage, wer die Gewalt in Schriften gutheiße, hafte für die Gewalt, die später geschieht — auch ohne Verbindung zum konkreten Täter. Diese Konstruktion löst die Anstiftung von der Tat und macht sie zur Haltung. Messer-Kruse bestreitet genau das und sieht eine vorgetragene konkrete Verschwörung. Wird die weite Konstruktion akzeptiert, lässt sich jede radikale Publizistik in ein Strafverfahren überführen, sobald irgendwo etwas geschieht. #### Die spätere Klärung Die amerikanische Rechtsprechung verlangt seit *Brandenburg v. Ohio* (1969) für die Strafbarkeit aufwiegelnder Rede, dass sie auf unmittelbar bevorstehende rechtswidrige Handlungen gerichtet und geeignet ist, sie herbeizuführen. Zwischen dem Verfahren von 1886 und dieser Klärung liegen 83 Jahre. ### Die gesellschaftliche Frage: Wer gilt als zugehörig Sechs der acht Angeklagten waren Einwanderer, und die Presse führte das unablässig vor. Der Prozess verhandelte neben der Bombe immer auch die Frage, ob diese Menschen überhaupt dazugehören. Das Muster ist nicht historisch erledigt. Es kehrt wieder, sobald Arbeitskämpfe von Beschäftigten geführt werden, deren Zugehörigkeit bestreitbar erscheint — nach Herkunft, Aufenthaltstitel oder Vertragsform. Wer die Zugehörigkeit bestreiten kann, muss die Forderung nicht beantworten. ### Die philosophische Frage: Zeit als Eigentum Hinter dem Achtstundentag steht eine Behauptung, die weiter reicht als jede Tarifrunde: dass Lebenszeit nicht vollständig verkäuflich ist. Wer Arbeitskraft kauft, kauft in dieser Sicht nicht den Menschen und auch nicht seinen Tag, sondern einen abgegrenzten Teil davon. Die Grenze ist nicht verhandelbar wie ein Preis, weil sie bestimmt, ob es überhaupt ein Leben außerhalb der Arbeit gibt. Genau deshalb war die Forderung in den Augen der Arbeitgeber kein Kostenproblem, sondern ein Angriff auf ihr Verfügungsrecht. ## Was bleibt Der Achtstundentag kam, aber nicht 1886 und nicht durch diesen Streik. In den Vereinigten Staaten galt er zunächst nur für abgegrenzte Gruppen: Bundesbedienstete ab 1868 und 1892, die zwischenstaatlichen Eisenbahnen durch den Adamson Act 1916, Bundesauftragnehmer durch den Walsh-Healey Act 1936. Der *Fair Labor Standards Act* von 1938 regelte keinen Achtstundentag, sondern eine Wochenhöchstarbeitszeit mit Überstundenzuschlag, gestaffelt von 44 Stunden 1938 auf 40 Stunden ab Oktober 1940. In Deutschland wurde der Achtstundentag am 15. November 1918 im Stinnes-Legien-Abkommen zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften vereinbart und durch die Verordnung über die Regelung der Arbeitszeit gewerblicher Arbeiter vom 23. November 1918 rechtlich verankert. Er hielt nicht lange: Die Arbeitszeitverordnung vom 21. Dezember 1923 ließ über Ausnahmetatbestände wieder Zehnstundentage zu. Das ist der eigentliche Schluss dieser Geschichte, und er ist weniger erbaulich als der übliche. Eine erkämpfte Grenze bleibt angreifbar. Die Bewegung von 1886 hat den Achtstundentag nicht erreicht; sie hat die Frage so gestellt, dass sie nicht mehr verschwand — und jede Generation danach musste sie neu beantworten. ## Quellen - Paul Avrich: *The Haymarket Tragedy*, Princeton University Press, 1984. - James Green: *Death in the Haymarket: A Story of Chicago, the First Labor Movement, and the Bombing that Divided Gilded Age America*, Pantheon Books, 2006. - Timothy Messer-Kruse: *The Trial of the Haymarket Anarchists: Terrorism and Justice in the Gilded Age*, Palgrave Macmillan, 2011. (Vertritt eine von der älteren Forschung abweichende Bewertung des Verfahrens; als Gegenposition ausdrücklich lesenswert.) - Timothy Messer-Kruse: *The Haymarket Conspiracy: Transatlantic Anarchist Networks*, University of Illinois Press, 2012. - John Peter Altgeld: *Reasons for Pardoning Fielden, Neebe and Schwab*, 26. Juni 1893. - *Spies v. Illinois*, 122 Ill. 1 (Illinois Supreme Court, 14. September 1887), und *Spies v. Illinois*, 123 U.S. 131 (Supreme Court der Vereinigten Staaten, 2. November 1887). - Beschluss des internationalen sozialistischen Arbeiterkongresses, Paris, 14.–20. Juli 1889, zur Kundgebung am 1. Mai 1890. - Eric Hobsbawm: *Birth of a Holiday: The First of May*, in: ders., *Uncommon People*, Weidenfeld & Nicolson, 1998. (Widerspricht der Herleitung des 1. Mai aus Haymarket.) - *Brandenburg v. Ohio*, 395 U.S. 444 (1969). - Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918; Verordnung über die Regelung der Arbeitszeit gewerblicher Arbeiter vom 23. November 1918; Arbeitszeitverordnung vom 21. Dezember 1923.